Leseproben

Nicht selten bekomme ich Anfragen, ob ich denn nicht einen Roman/eine Kurzgeschichte/einen neunbändigen Zyklus/das Lebenswerk eines hoffnungsvollen Autors lesen und kritisieren könne. Zunächst einmal schmeichelt es mir natürlich sehr, dass man meine Kompetenz so hoch einschätzt, dass man mir sein Werk zur Begutachtung geben möchte. Aber dann wird schnell klar, dass ich die Hilfe in der gewünschten Form gar nicht liefern kann.

Zum einen ist nicht jeder, der schreibt, auch entsprechend befähigt, andere Texte zu kritisieren. Schon gar nicht sie so zu kritisieren, dass der Verfasser etwas daraus lernt. Dafür gibt es im Verlagswesen Lektoren: Menschen, deren einziger Lebenszweck es zu sein scheint, Autoren das Leben schwer zu machen. Gut, das war ein Scherz, aber die Aussage steht: Autoren müssen keine guten Lektoren sein. Anders herum stimmt es auch, gute Lektoren sind nicht notwendigerweise gute Autoren.

Zweitens steckt ein erheblicher Aufwand dahinter, wenn man einen Text tiefgehend betrachtet und liest. Zumal die Leseproben häufig von nicht gerade unimposanter Länge sind. Das kostet Zeit und Energie, die so mancher Autor vermutlich lieber in sein eigenes Werk stecken würde. Andere Menschen, nämlich Lektoren, werden für diese Arbeit bezahlt.

Drittens ist die Hoffnung, dass man über den Autor eine Abkürzung zum Verlag schlagen kann in den meisten Fällen verfehlt. Autoren haben genug damit zu tun, ihre eigenen Ergüsse an den Verlag zu bringen. Schreiben und vom Schreiben leben ist nicht einfach.

Viertens möchte ein Autor nicht in den Verruf geraten, eine Idee oder gar einen ganzen Text plagiiert oder gestohlen zu haben. Das ist meistens reiner Selbstschutz.

Mein Tipp wäre, sich lieber einen Zirkel von Gleichgesinnten zu suchen. Testleser, die vielleicht selber schreiben und nach dem Eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzip Texte lesen und kritisieren. Solche Gruppen findet man auch im Internet; man sollte sich aber eine suchen, die zu einem passt. Auch ein Blick in einen Schreibratgeber schadet selten. Häufig stehen da ganz interessante Dinge drin. Auf die lange Sicht lernt man so sicherlich weitaus mehr, als aus einer einzigen Kritik.

Auf der sehr informativen Webpage von Andreas Eschbach findet man in der Rubrik Übers Schreiben viele Tipps für aufstrebende Autoren, die Herr Eschbach im Laufe der Zeit gegeben hat.

Zuguterletzt: Ich kann schon rein zeitlich nicht jeden potentiellen Text gründlich lesen. Aber ich bin ja auch Schreiberling und kein Lektor.

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