Heidelberger Appell
Ich habe schon vor einiger Zeit den Heidelberger Appell unterzeichnet. Allerdings schon da erst nach einigen Tagen Bedenkzeit und nicht ohne Zweifel. Letztendlich überwog allerdings der Gedanke, dass eine gesellschaftliche Debatte über Urheberrechte und den Zugang zur Kultur wichtig ist.
Der Eintrag ist ein wenig länger, deshalb gibt es einen Link:
Unglücklicherweise verquickt der Appell zwei Bereiche, die meiner Meinung nach nicht in einen Topf gehören.
So ist meine Meinung über Open Access aufgrund mangelnder Nähe zum Thema und, ganz simpel, auch mangelnden Wissen darüber nicht sehr gefestigt. Aus Sicht des Einzelnen kann ich gut verstehen, wenn die gewachsenen Strukturen verteidigt werden; immerhin ist es in der wissenschaftlichen Welt für das Ansehen und auch die Karriere sehr wichtig, wo man Papers veröffentlicht. Zumindest war das die Rückmeldung aus meinem Bekanntenkreis, der sich in universitären Kreisen bewegt, und zwar sowohl in Naturwissenschaften, als auch in Geisteswissenschaften.
Andererseits ist der uneingeschränkte Zugang zu Forschungsergebnissen ein wichtiger Teil der modernen Wissenschaft, und dass der Uni-Kreislauf grundsätzlich aus öffentlichen Geldern finanziert wird, und damit private Unternehmen wie die Verlage große Gewinne einfahren, ist ganz sicher nicht das beste aller möglichen Systeme. Öffentlich finanzierte Forschung wird gegen Geld, das oft auch aus öffentlichen Quellen stammt, in Publikationen veröffentlicht, die dann wieder von Universitäten erworben werden müssen.
Beim Thema Google ist meine Meinung allerdings klarer. Ich halte es für ein Unding, dass ein Konzern wie Google bestehendes Recht bricht, Fakten schafft und darauf vertraut, vor Gericht auch dank überlegener finanzieller Mittel damit durchzukommen. Dass in den USA die Möglichkeit besteht, mittels einer Class Action die gesamte Gruppe der Rechteinhaber zu erfassen, macht die Angelegenheit nicht besser.
Wie auch immer man zum Heidelberger Appell steht, an ihm hat sich zumindest ein Diskurs entzündet, der in verschiedenen Medien von allen Seiten geführt wurde, teilweise mit beeindruckender Verve, hoher Sachkenntnis und der für mich spannend zu verfolgen war.
Es ist keine Frage mehr, ob wir an der Schwelle zu großen Umwälzungen im Bereich der Urheberrechte und damit der Kultur an sich stehen. Bislang sind die Reaktionen der gesellschaftlich relevanten Kräfte allerdings enttäuschend. Das Thema betrifft jeden, selbst in kleinsten Bereichen des Lebens, und wir hinken der technischen Entwicklung um Jahre hinterher und versuchen, neue Aufgaben mit Werkzeugen zu lösen, die inzwischen einfach veraltet sind. Immer wieder gibt es dieselben Rufe nach Verboten und Strafen, vollkommen ungeachtet der Realität und dem Massenphänomen „Raubkopien“. Wir sollten uns als Gesellschaft lieber überlegen, wie wir diesen weit verbreiteten Konsum von Kunst (ich weiß, böse Kombination) und die Künstler fördern können, anstatt etwas verbieten zu wollen, das de facto nicht aufzuhalten ist: die technisch perfekte Reproduzierung von Kunst. Bei Musik, die am wenigsten an ein Medium gebunden ist, kann man sehen, wie weit das gehen kann. Andere Kunst ist natürlich stärker an Medien gebunden, aber in vielen Bereichen wird der technische Fortschritt ein immer höheres Maß an Kopierbarkeit ermöglichen. Und im digitalen Zeitalter geht damit kein Qualitätsverlust mehr einher.
Was bleibt also? Ein zwiespältiges Gefühl. Es ist schwer, mit dem Schreiben von Büchern Geld zu verdienen. Es ist noch viel schwerer, davon zu leben. Die ständige Erosion der Rechte führt erst einmal dazu, dass diejenigen in der Kette leiden, die das schwächste Glied darstellen. Das sind im Normalfall die Autoren, und darunter gerade jene, deren Einkommen ohnehin nicht hoch sind. Bei den Urheberrechtsdebatten, den Polemiken und großen Gesten wird auf beiden Seiten oft vergessen, dass es am Ende um Menschen geht. Denn diejenigen, die es deutlich spüren, dass sind nicht die großen Konzerne, die so gerne in den Rhetoriken bemüht werden, sondern es sind die Autoren, die am unteren Ende der Nahrungskette sitzen. Anders als Musiker haben Autoren weniger Möglichkeiten, auf andere Einnahmequellen auszuweichen; Lesungen sind keine Konzerte.
Es wäre wünschenswert, wenn die Schützengräben in dieser Diskussion verlassen werden, aber bislang sieht es leider nicht danach aus.










