Ruritanian Romances

Im Laufe der Überlegungen zu dem Essay von Frank Weinreich wurde ich von dem geschätzten Kollegen Oliver Plaschka auf ein Thema aufmerksam gemacht, das zwar leider keinen Eingang in meine Replik fand, aber dennoch erwähnenswert ist: Ruritanian Romances.

Dabei handelt es sich um eine alte Genreeinteilung, die Geschichten beschreibt, die in einem fiktiven, meist osteuropäischen Land angesiedelt sind. Sehr häufig sind diese Geschichten aus einer US-amerikanischen Sicht geschrieben. Der Name stammt von Ruritanien, dem Handlungsort dreier Romane des Schriftstellers Anthony Hope. Der bekannteste dürfte „Der Gefangene von Zenda“ sein, der mit Peter Sellers großartig verfilmt wurde. Robert Louis Stevenson, Autor von „Die Schatzinsel“ hat mit „Prince Otto“ ebenfalls zu dem Genre beigetragen, ja sogar Mark Twains „Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof“ geht in diese Richtung.

Ruritanian Romances sind nicht direkt Fantasy, aber doch deutlich damit verwandt, denn obwohl die Handlungsorte in die reale Welt eingebettet werden, sind sie doch fiktiv. Da sie ihre Hochzeit im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten, kann man sie sicherlich als einen Vorläufer der modernen Fantasy sehen.

Eine - durchaus parodistische - Hommage an das Genre stellt übrigens der Roman „Die Brautprinzessin“ von William Goldman dar, der ebenfalls verfilmt wurde, und vielen Fantasylesern ein Begriff sein dürfte.

Wenn man sich den Wikipedia-Eintrag zu Ruritanien ansieht, stößt man übrigens auf ein klassisches Problem: die unterschiedlichen Bedeutungen von romance und Derivaten, und die nicht immer einfache Übersetzung. Denn Ruritanian Romance ist keineswegs mit "ruritanischem Liebesroman" zu übersetzen, wie es im Wikipeda-Artikel getan wird. In diesem Fall wird Romance in einer anderen Bedeutung benutzt, nämlich als Literaturgattung in Abgrenzung von der Novelle, als eine nicht realistische Literatur, die sich auf alte Vorbilder beruft – im Mittelalter wurde der Begriff Romanze zum Beispiel für nicht-lateinische Texte genutzt. Und die späteren Verfechter der Romanze im 18. und 19. Jahrhundert sahen sich in Abgrenzung zu einer mehr und mehr dominanten realistischen Form der Literatur.

Romance wird heutzutage gerne als Gattung angesehen, in der es um Verwicklungen der Liebe geht, meist mit Happy End. Siehe die Paranormal Romance mit Vampiren und Werwölfen, die gerade im englischsprachigen Raum und auch hier boomt. Allerdings hat Romantik nicht nur im Deutschen mehr als eine Bedeutung, und in gerade in der Literatur ist es nötig, eine entsprechende Sorgfalt walten zu lassen, wenn man über diese Themen diskutieren möchte. Vermutlich ist es sinnvoll, das Adjektiv romanesk in Abgrenzung zu romantisch zu verwenden.

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