Präkognition
Vorhersehbarkeit in Geschichten hat hauptsächlich drei Ursachen: entweder ist sie vom Autor intendiert, oder sie ist ein Fehler des Autors, oder sie ist dem Autor egal. Nicht immer ist sie schlecht; so mancher Leser freut sich, wenn er oder sie etwas vorher geahnt hat. Das Miträtseln ist nicht selten ein guter Teil des Lesevergnügens. Der Grat ist allerdings schmal; schnell stürzt man in Langeweile ab, weil alles zu vorhersehbar ist.
Es ist sehr einfach, vollkommen unvorhersehbare Ereignisse geschehen zu lassen. Tatsächlich ist nichts einfacher. Viel schwieriger ist es, ein Ereignis so einzubauen, dass der Leser sich an die Stirn schlägt und denkt: "das hätte ich vorher erkennen können". Dabei hat beides seine Berechtigung.
Am Ende läuft es auf ein Grundkonzept hinaus: Das Spiel mit den Erwartungen der Leserin. Wir alle sind kulturell geprägt, deshalb erkennen wir Muster in Geschichten wieder. Als Autor tanz man sozusagen mit dem Leser, führt ihn und dabei manchmal auch an der Nase herum. Das ist natürlich nicht ganz so einfach. Erstens gibt es „den Leser“ nicht. Was für den einen neu, ist für den nächsten sattsam bekannt. Einer mag und will Bekanntes, Neuland soll gar nicht entdeckt werden; ein weiterer sucht gerade das Neue, das Andersartige. Manches kann man nach Genres zuordnen, aber selbst innerhalb dieser Leserschaften gibt es häufig sehr unterschiedliche Gruppen. Zweitens existieren diese Klischees nicht ohne Grund. Viele von ihnen sind stark und deswegen tief in unserer Kultur verankert. Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob und was man wie in den eigenen Stil integriert. Und was man von ihnen lernen kann.
Menschen sind Mustererkennungsmaschinen. Darin sind wir gut. Wir glauben, dass wenn B auf A folgt, A der Auslöser für B sein muss. Wir sehen Enten und Knoblauchpressen in Wolken. Das ist sowohl eine Stärke, als auch eine Schwäche. Für Autoren ist das sehr wichtig, denn man muss sich der Muster in den eigenen Geschichten bewusst werden. Man muss diese Muster variieren, vielleicht falsche Muster legen, oder bekannte Muster neu oder überraschend auflösen. Hier und dort ein Muster andeuten, das eigentlich gar nicht existent ist. Dafür muss man sich selbst natürlich mit den Erzählmustern beschäftigen, und genügend Abstand vom eigenen Werk einnehmen können, um relativ abstrakt darüber nachzudenken. Wobei ich sicher bin, dass es auch Autoren gibt, die eine Art Intuition dafür haben, und dies aus dem Bauch heraus machen können.
Ich denke, das gilt für viele Stilmittel und Methoden des Erzählens. Macht man sie gut, sind sie gut. Setzt man sie schlecht ein, werden sie bemerkt und stoßen Lesern sauer auf. Es ist wie mit Cliffhangern. Per se sind die auch nicht gut oder schlecht, lediglich gut oder schlecht eingesetzt.

